Prof. Jürgen Witt

Die sieben Anforderungen an das produktive Denken

Erfolgreiches Handeln beruht auf produktivem Denken. Man muss wissen, was man tut und warum man es so und nicht anders tut. So werden fundierte Entscheidungen getroffen – gleich ob von einer Führungskraft oder einem Mitarbeiter.

Das geht nicht ohne Wissen – und die sinnvolle Anwendung des Wissens, wozu das Denken hinzukommen muss. Ohne das Denken gibt es kein verstehendes Wissen und das Wissen kann nicht produktiv angewendet werden. Die folgenden Empfehlungen zeigen auf, worauf es beim produktiven Denken ankommt.

Sieben Empfehlungen für das produktive Denken

  1. Wir dürfen das Denken nicht anderen überlassen.
  2. Denken darf nicht durch Fühlen ersetzt werden.
  3. Denken braucht Wissen.
  4. Unser Denken muss auch die Interessen anderer berücksichtigen.
  5. Wir können nicht klar und gründlich denken, wenn wir nicht wach sind.
  6. Zum Denken muss man sich Zeit nehmen.
  7. Denken muss in die Tiefe gehen.

 

Die üblichen »Denkfallen«

1. Wir denken zu wenig und überlassen das Denken lieber anderen

Wir nehmen viele Dinge in unserem Leben als »naturgegeben« hin, ohne über ihren Sinn und ihre Bedeutung nachzudenken. »Die Dinge sind eben, wie sie sind.« Auch entwickeln wir Gewohnheiten, ohne später zu prüfen, ob diese noch zweckmäßig sind.

Vieles ist uns unklar. Wir bemühen uns aber auch nicht darum, Klarheit zu schaffen. Manches stört uns sogar, und dennoch überlegen wir nicht, wie dieser Zustand zu ändern ist. Wir bilden uns eine oftmals »unverrückbare «Meinung und treffen Entscheidungen »spontan« – all dies ohne lange nachzudenken.

Vor allem denken wir zu wenig darüber nach, ob das, was man uns sagt, richtig und wahr ist. Das hat man uns schon in der Schule beigebracht. »Was der Lehrer sagt, ist immer richtig.« Diese Einstellung setzt sich im Berufsleben fort. »Was der Chef sagt, stimmt.« Darüber braucht nicht mehr nachgedacht zu werden. So werden die Meinungen anderer ungeprüft übernommen. Im Privatleben ist es nicht viel anders.

Es ist ja so bequem, seinen Kopf nicht anstrengen zu müssen. Außerdem fühlt man sich frei vor der Verantwortung für das, was »in der Welt geschieht« – vor allem für die Fehlentscheidungen anderer. »Wir hätten das natürlich alles besser gemacht.«

Wer anfängt nachzudenken, kommt oftmals zu einer abweichenden Meinung. Das kann zu erheblichen Konflikten mit anderen Menschen führen – insbesondere wenn man die Ansichten von »Autoritäten« nicht teilt. Machtbewusste Führungskräfte, bekannt durch autoritäres Führen, können in diesem Punkt äußerst empfindlich reagieren. So kann man sich mit seiner »besseren« Einsicht erhebliche Schwierigkeiten einhandeln.

Große Vorsicht ist auch bei sog. »Selbstverständlichkeiten« geboten. Wie oft wird uns entgegnet, wenn wir eine Behauptung in Frage stellen:»Das ist doch selbstverständlich!« Soll bedeuten: »Was Dir gesagt worden ist, stimmt. Darüber brauchst Du Dir nicht mehr den Kopf zu zerbrechen. Wie kommst du überhaupt dazu, zu zweifeln?«.

Als »selbstverständlich« wird vielfach bezeichnet, wofür die Begründung fehlt. Unwissenheit wird durch forsches Auftreten ersetzt. Davon darf man sich nicht einschüchtern lassen. Besonders wenn man weiß, was tatsächlich richtig oder falsch ist, oder auch nur das Gefühl hat, »irgend etwas« kann an einer Sache nicht stimmen.

Wer sich nicht unnötig in die Abhängigkeit anderer begeben will, darf das Denken nicht anderen überlassen. Manchmal ist es allerdings sinnvoll, »sich seinen Teil zu denken«, ohne seine Meinung kundzutun. Es ist verfehlt, einen »Meinungsstreit« anzuzetteln, wenn dadurch nichts anderes bewirkt wird, als dass man sich selbst Nachteile einhandelt. Völlig abwegig ist Rechthaberei und Besserwisserei.

Wer zu wenig eigenständig nachdenkt, arbeitet oft mit vielem falschem Wissen. Die sich daraus ergebenden Fehler und Misserfolge sind vorprogrammiert.

Empfehlung Nr. 1: Habe Mut zum selbständigen Denken! Nicht immer ist es jedoch tunlich, seine Meinung zu äußern. Wähle dazu einen günstigen Augenblick.

 

2. Wir ersetzen Denken durch »Fühlen«

Unser Leben wird stets von unseren Gefühlen begleitet, die unsere Entscheidungen beeinflussen, wenn nicht sogar beherrschen, ohne dass wir uns dessen so recht bewusst werden (Siehe auch Blog “Führung & Emotion, Teil 2″). In letzterem liegt die große Gefahr. Wir merken gar nicht, dass wir »ohne Verstand« handeln.

Extreme Gefühle, also Leidenschaften, machen geradezu blind. Ähnlich wirkt sich die Angst aus, die in jedem Menschen mehr oder wenig steckt. Allerdings auch zu unserem Nutzen, wenn sie nicht das Denken blockiert, sondern zu kluger Vorsicht führt.

Besonders wenn wir uns »wohl« fühlen und alles – wie wir meinen – zur Zufriedenheit läuft, neigen wir dazu, das Denken »einzustellen«.

Denken ist anstrengend. Fühlen ist einfacher als Denken. Deswegen weichen wir dem Denken gern aus oder bevorzugen die Intuition vor der Analyse. Ähnlich ist es auch in der Kommunikation. Laute Bekenntnisstärke ersetzt oft geringe Kenntnisstärke.

Vieles würde besser laufen, viele Fehler könnten vermieden werden, wenn wir bei unseren Entscheidungen unseren Verstand – in Verbindung mit dem jeweils erforderlichen Wissen – den Vorrang lassen würden.

Den Verstand zum »Meister« unserer Entscheidungen zu machen, heißt nicht, auf seine eigenen Gefühle nicht mehr zu »hören«. Manches kann das Gefühl besser »erkennen« als der Verstand. Es kommt darauf an, die Prioritäten richtig zu setzen. Der Verstand kann auf das Gefühl zurückgreifen, wenn bei einer Urteilsfindung Wissenslücken zu überbrücken sind. Auch bei undurchsichtigen Situationen vermag das Gefühl oft mehr als der Verstand auszurichten.

Keinesfalls darf der Verstand dazu missbraucht werden, emotionale Entscheidungen rational zu untermauern (Rationalisierung). Ein solches Verhalten läuft auf Selbsttäuschung hinaus. Außerdem darf der Verstand nicht erst dann eingeschaltet werden, wenn etwas offensichtlich schief gegangen ist oder wir vor einer völlig neuen Situation stehen und nicht mehr weiter wissen.

Der Verstand ist nicht der Erfüllungsgehilfe oder der »Reparateur« unserer Emotionen.

Die fatalen Folgen der »emotionengesteuerten« Lebensgestaltung sind unübersehbar. Und dies bei jedem Einzelnen und in der ganzen Welt – möglicherweise auch bei uns selbst. Man bräuchte nur die Augen zu öffnen und hinzusehen – wenn man es nur sehen wollte. Spätestens wenn Emotionen zur Gier werden, droht Unheil. Persönliche Gier nach Macht, Geld und Geltung richten viel Schaden an. Menschen werden dadurch korrupt. Weit verbreitet sind auch Neid und Angst, die meist in die Irre führen.

Unverzichtbar ist es also, sich bewusst zu machen, wann man sich mehr von seinen Gefühlen oder seinem Verstand steuern lässt. In dieser Hinsicht darf man sich nichts vormachen – was allerdings oft geschieht.

Empfehlung Nr. 2: Nutze stets deinen Verstand! Nimm jedoch auch deine Gefühle ernst, ohne sich von ihnen verführen zu lassen!

 

3. Unserem Denken fehlt das Wissen

Wir beurteilen und bewerten Sachverhalte, ohne über ausreichendes Wissen zu verfügen. Wir behaupten etwas und tun so, als ob wir »die volle Wahrheit« kennen würden.

Auch die Bedeutung der Erfahrung, die ein Teil unseres Wissens ist, wird oft unterschätzt – besonders von jungen »unerfahrenen« Menschen. Wer sich ohne »Erfahrungswissen« zu viel zutraut, wird möglicherweise viel »Lehrgeld« zahlen müssen.

Wir können nicht alles wissen. Mangelndes Wissen zuzugeben, ist klüger als nicht vorhandenes Wissen vorzutäuschen.

»Am Tage, da einer alles weiß, lass ihn ruhig sterben!« (Aus dem Sudan)

»Wenn du geschwiegen hättest, wärst du ein Philosoph geblieben.« (Antike Weisheit)

Besonders gefährlich ist eingebildete Omnipotenz. »Wir wissen alles und können alles!« Wer mit dieser Einstellung lebt, handelt sich viele Misserfolge ein und ist auf dem besten Weg, sein Ansehen zu ruinieren.

Junge Menschen sind gut beraten, den Rat erfahrener Menschen zu suchen und auch anzunehmen. Letzteres allerdings nicht unkritisch! Nicht jeder Rat ist hilfreich. Außerdem muss man über manchen Rat erst gründlich nachdenken, um ihn richtig zu verstehen. Glücklich kann sich schätzen, wer während seiner Ausbildung nicht nur theoretisches Wissen gelernt hat, sondern zusätzlich von einem »alten erfahrenen Fuhrmann« angeleitet worden ist.

Empfehlung Nr. 3: Frage dich stets, ob du über die notwendigen Informationen verfügst, bevor du urteilst und deine Meinung Kund tust!

 

4. Unser Denken wird zu sehr von unseren Interessen beherrscht

Nicht selten wird unser Denken ausschließlich von unseren persönlichen »Interessen« oder auch Problemen geleitet. Wir denken einseitig aus der Sicht unserer persönlichen Situation. Es geht uns nicht darum, mit Hilfe unseres Verstandes Probleme bestmöglich zu lösen, sondern ohne Rücksicht auf andere unsere Interessen zu verfolgen. »Wir denken nur an uns selbst.«

So wird unser Verstand in erster Linie eingesetzt, um unsere eigenen Interessen, Vorstellungen und Erwartungen gegenüber der Umwelt durchzusetzen und zu rechtfertigen. Wir verschließen uns gegenüber den Vorstellungen anderer.

Der Verstand wird zum Ausführungsorgan unserer persönlichen Interessen.

Wir übersehen dabei, dass wir unsere Interessen nur dann sinnvoll verfolgen können, wenn wir auch die Interessen anderer berücksichtigen. Wir sollten nach Möglichkeit stets ein »Alle sind Gewinner-Ergebnis« anstreben. Diese Einsicht, in das eigene Denken die Situation aller Beteiligten einzubeziehen, ist umso wichtiger, je mehr wir mit anderen zusammenarbeiten wollen oder müssen.

Empfehlung Nr. 4: Denke und entscheide nicht nur aus der Perspektive deiner eigenen Interessen!

 

5. Wir sind beim Denken zu wenig wach

Denken ist eine anstrengende Tätigkeit. Wer müde, abgespannt oder sogar erschöpft ist, kann nicht konzentriert nachdenken. Das Denken hat dann weder Klarheit noch Tiefgang.

Neben ständiger Überlastung und Krankheiten, hat unser Schlafverhalten einen wesentlichen Einfluss auf unsere Konzentrationsfähigkeit. Viele Menschen schlafen schlecht oder zu wenig. (Zur Verbesserung des Schlafverhaltens geben die Technische Universität Darmstadt – Institut für Arbeitswissenschaft und die Universität Duisburg-Essen – Institut für Ergonomie und Designforschung nützliche Ratschläge – http://www.vbf.arbeitswissenschaft.de)

»Gebt den Leuten mehr Schlaf, sie werden wacher sein, wenn sie wach sind.« (Kurt Tucholsky)

Empfehlung Nr. 5: Sei wachsam, wenn du denkst!

 

6. Wir nehmen uns zum Denken zu wenig Zeit

Viele meinen, das Denken kann »so nebenbei« erledigt werden. Wie überall, es fehlt immer die Zeit. Dabei ist Zeitmangel kein unumstößliches »Naturgesetz«, sondern weitgehend eine Folge mangelhafter Zeitplanung.

»Die größten Zeitfresser«

  • Selbst verschuldete Überbelastung: Man nimmt sich zu viel vor und führt nichts zu Ende.
  • Es wird nicht straff und zügig gearbeitet.
  • Als Folge von Hast, geringer Sorgfalt und ungenügender Arbeitsvorbereitung entstehen viele Fehler, deren Behebung zusätzliche Zeit beansprucht.
  • Es wird zu viel Zeit mit Nebensächlichkeiten (»Liebhabereien«) vertan.
  • Es wird nicht »in Serie« gearbeitet. Dadurch entstehen jedes Mal neue Anlaufzeiten (»Rüstzeiten«).
  • Häufige Störungen und Ablenkungen. Es wird hin und her gesprungen. Die ständige Erreichbarkeit durch die elektronischen Medien (Telefon, Email, SMS) behindern konzentriertes Arbeiten.
  • Die Prioritäten werden falsch gesetzt. Dringlichkeit und Wichtigkeit von Aufgaben werden nicht beachtet. Ein hochaktuelles Beispiel ist die übertriebene Mediennutzung – ein wachsendes Übel unserer Zeit – die mehr auf unkontrollierter Informationssucht als auf einem sachlichen Informationsbedürfnis beruht. Das Ergebnis ist nicht nur gravierender Zeitverlust, sondern zunehmende Informationsüberflutung (»Information Overkill«). Die Übersicht über die erhaltenen Informationen geht immer mehr verloren.
  • Es ist keine Zeitplanung vorhanden oder sie ist nicht sinnvoll.

Manche meinen, entschlossenes Handeln sei wichtiger als langes Nachdenken. Besonders »Tatmenschen« halten nicht viel vom »Grübeln«, wie sie das Nachdenken bezeichnen – eine fragwürdige Einstellung.

In der Tat ist grenzenloses Nachdenken unproduktiv. Es muss auch entschieden werden. Und die Entscheidung darf nicht zu spät kommen. Oftmals muss schnell, wenn nicht sogar spontan entschieden werden, um »die Gunst des Augenblicks« zu nutzen. Auch die schnelle Entscheidung darf jedoch nicht ohne ausreichende Überlegung erfolgen. Andernfalls liefert man sich völlig seinem Glück aus. Das Glück ist trügerisch.

Wer sich für das Nachdenken nicht genügend Zeit nimmt, dem geht es wie demjenigen, der beim Denken zu wenig wach ist (siehe oben). Er erlangt oft keine Klarheit und gelangt nie in die Tiefe. Längeres Nachdenken führt vielfach zu ganz anderen Ergebnissen, zu neuen Einsichten und damit zu besseren Entscheidungen.

Besonders bei wichtigen Vorgängen ist »gründliches« Nachdenken unverzichtbar – und das kostet Zeit.

Empfehlung Nr. 6: Nimm dir genügend Zeit zum Nachdenken. Meist brauchst du mehr Zeit, als du annimmst.

 

7. Wir denken zu oberflächlich

Wir leben in einer hektischen Zeit. Unser Kopf ist meist voll mit unerledigten Problemen und angedachten Projekten. Viele Gedanken gehen uns durch den Kopf. Mal sind wir bei diesem, mal bei jenem Thema. Wir springen hin und her und kommen nirgends zu einem wohl überlegten Abschluss, wie oben bereits erwähnt (»Die größten Zeitfresser«).

Gründliches Nachdenken erfordert Konzentration. Seine Aufmerksamkeit auf einen Sachverhalt zu zentrieren und sich in diesen zu vertiefen, erfordert Ruhe und Gelassenheit. Wer sich mit einem Thema gründlich befassen will, muss anderes beiseite schieben. Multitasking mag sinnvoll sein, wenn Routinearbeiten erledigt werden. Beim und fürs Nachdenken ist es tödlich. Im Übrigen ist Multitasking eine Illusion, wenn man meint, mehrere Arbeiten exakt zur selben Zeit verrichten zu können. Tatsächlich können selbst einfache Tätigkeit nicht parallel, sondern nur sequentiell verrichtet werden.

Empfehlung Nr. 7: Konzentriere dich beim Nachdenken, lass dich nicht ablenken!

 

Vertiefende Literatur aus der »Grünen Reihe«

Witt, J.: Führen im Dialog: Offen, kritisch, kreativ, 1. Aufl., Hamburg 2014

Witt, J. und Th.: Der Kontinuierliche Verbesserungsprozess,  4. Aufl., Hamburg 2010