Prof. Jürgen Witt

Wissen ist Macht!

Bewusste Lebensgestaltung beruht darauf, durch achtsames Wahrnehmen in Erfahrung zu bringen, was es in der Welt gibt und was in ihr geschieht. Das Wissen um das Chancenangebot der Welt ist die Grundlage einer bewussten Lebensgestaltung und damit für erfolgreiches Handeln. Wer nichts von der Welt weiß, der steht mit seinem Leben draußen vor der Tür. Mit unserem Wissen eröffnen wir uns unsere Lebenschancen.

»Wissen ist Macht!« (Francis Bacon)

Deshalb dürfen wir uns nicht mit dem Wissen begnügen, das an uns mehr oder weniger zufällig herangetragen wird. Wir müssen uns selbst auf die systematische Suche nach neuem (nützlichen) Wissen begeben. Dazu gehört es,

  • andere Meinungen und Auffassungen kennenzulernen
  • neue Ideen, Anregungen und Impulse zu erhalten
  • Bestätigungen für das bisherige eigene Wissen zu bekommen.

 

Pragmatisches und philosophisches Wissen

Wissen ist zunächst auf sinnvolle Lebensgestaltung ausgerichtet. Man will ein besseres Leben führen. Dazu braucht man pragmatisches Wissen – ein Wissen, das sich für die Lebenspraxis verwerten lässt.

Wissbegier kann jedoch auch auf dem reinen »Streben nach Wissen an sich« beruhen, bei dem nicht nach dem praktischen Nutzen gefragt wird. Diese Suche nach philosophischem Wissen – dem Wissen um die Grundfragen des Lebens und der Wahrheit – zeichnet den Philosophen und »klassischen« Wissenschaftler aus, die davon angetrieben werden, neues Wissen über das Leben oder Teilgebiete davon zu erschließen, ohne danach zu fragen, ob sich ihre geistigen Anstrengungen in der Praxis umsetzen lassen. Ihnen geht es um das philosophische Wissen, das als Grundlagenwissen wichtige Denkanstöße vermitteln kann, um das pragmatische Wissen weiterzuentwickeln. Die »tiefschürfenden« Erkenntnisse der Wissenschaft, insbesondere der Philosophie, sind allerdings nicht selten realitätsfremd. Es bereichert eine Gesellschaft, wenn philosophischer Erkenntniswille zu praktischen Resultaten führt.

 

Praxiswissen und Theoriewissen

Wissen entsteht zunächst durch Erfahrung im praktischen Leben. Es können die eigenen Erfahrungen sein oder jene von anderen, die einem vermittelt worden sind, von denen man »erfahren« hat. Erfahrungen sind als Praxiswissen bedeutsam, wenn sie für das künftig Verhalten (bei vergleichbaren Situationen) sinnvoll genutzt werden können. Dazu muss ihre Bedeutung verstanden worden sein – aus einzelnen Erfahrungen müssen »allgemein gültige« übertragbare Erkenntnisse werden.

Erfahrungen werden durch Nachdenken zu Erkenntnissen. Es muss die Ursache für bestimmte Prozessabläufe und das Vergleichbare von Situationen herausgefunden werden. Damit sind wir auf dem Weg zur Erarbeitung von Verhaltensregeln, die allgemeine Aussagen über Abläufe in vergleichbaren Situationen enthalten. So entsteht Theoriewissen.

Es gibt keinen Zweifel, dass das theoretische Wissen die Arbeit in der Praxis bereichert. Entscheidungen werden sicherer. Allerdings muss die Logik einer Theorie stimmen und ihre Aussage darf nicht weltfremd sein. Ob dies der Fall ist, hängt zunächst von der Denk- und Erkenntnisfähigkeit dessen ab, der eine Theorie entwickelt. Außerdem ist es gefährlich, wenn Theorien ohne eigene Erfahrungen erarbeitet werden. Der »reine« Theoretiker, den wir in der Wissenschaft, aber auch in Beratungsunternehmen und Stabsabteilungen oft finden, sollte sich erst gründlich vergewissern, ob seine Theorien auch »funktionieren«, bevor er sie verkündet. Eine intensive Diskussion mit erfahrenen Praktikern kann hier sehr hilfreich, wenn nicht sogar unverzichtbar sein.

Praxiswissen und Theoriewissen gehören zusammen.

Eine Theorie muss verständlich und praxisnah formuliert sein, damit nicht der häufige Vorwurf erhoben werden kann: »Grau ist alle Theorie.«

 

Allgemeinwissen und Fachwissen

In unserer hoch spezialisierten Wissensgesellschaft wird ein fundiertes Fachwissen, oftmals sogar ein vertieftes Spezialwissen, immer wichtiger. Fundiert ist das Fachwissen, wenn es auch die Grundlagen, den Hintergrund, umfasst, den man kennen muss, um seine Tätigkeiten noch besser zu verstehen und erfolgreicher auszuführen zu können.

Es ist nicht zu leugnen, dass wir heute mehr denn je über Spezialwissen verfügen müssen. Der Spezialist darf jedoch nicht zum »Fachidioten« werden, der nur noch seine »technische« Welt kennt und sonst gar nichts.

Je mehr das Fachwissen in den Vordergrund rückt, desto mehr verstärkt sich die Gefahr, dass das Allgemeinwissen vernachlässigt wird. Es ist im Hinblick auf die persönliche Entwicklung eine bedrohliche Kurzsichtigkeit, dessen Bedeutung zu unterschätzen. Offensichtlich vollzieht sich gegenwärtig wieder ein Umdenken zu Gunsten eines breiten Wissens.

Welche Bedeutung hat das Allgemeinwissen?

  • Allgemeinwissen weitet den Horizont. Dabei geht es nicht so sehr um das »Mehrwissen«. Weitaus wichtiger ist es, engstirniges Denken zu überwinden. Allgemeinwissen vergrößert den Blickwinkel, die Übersicht nimmt zu, Zusammenhänge werden besser erkannt.
  • Die berufliche Flexibilität verbessert sich. Die Einarbeitung in einen neuen Sachbereich oder der Berufswechsel wird leichter.
  • Die Kommunikation zwischen den Menschen wird besser, insbesondere wenn sie aus unterschiedlichen Fachgebieten kommen.
  • Das Allgemeinwissen trägt mehr als das Fachwissen dazu bei, aus einem Menschen eine Persönlichkeit zu machen, die grundlegende Lebensfragen ausgewogen zu beurteilen vermag.
  • Intelligente Problemlösungen und Innovationen, selbst der gesunde Menschenverstand werden durch Allgemeinwissen gefördert.

Merke: Wer seinen beruflichen Alltag erfolgreich bewältigen will, braucht heute mehr denn je fachliches Wissen. Wer über ein breites Allgemeinwissen verfügt, gewinnt einen Vorsprung.

 

Halbwissen und Halbwahrheiten

Wer wissbegierig ist, sucht vollständiges Wissen. Dazu gehört die Kenntnis aller wesentlichen Einzelheiten eines Sachverhaltes. Alles andere ist gefährliches »Halbwissen«. Besonders von einem Fachmann oder einem Spezialisten wird erwartet, dass er sein Fachgebiet beherrscht. Das verlangt ein umfassendes, möglichst lückenloses Fachwissen.

Im Halbwissen und in Halbwahrheiten liegt eine große Gefahr. Die Problematik besteht nicht nur darin, dass sie zu einem unvollständigen, sondern insbesondere zu einem falschen Bild von einem Sachverhalt führen können. Wir können zwar nicht alles wissen. Wir sollten jedoch nicht meinen, wir würden eine Sache verstehen, die wir nur oberflächlich kennen.

Deshalb sollten wir uns auch mit unserer Meinung oder unserem Urteil über einen Sachverhalt zurückhalten, von dem wir nur wenig wissen. Außerdem müssen wir bereit sein, unsere Meinung gegebenenfalls zu revidieren. Es fällt uns allerdings schwer, von unserer Meinung abzurücken, wenn wir sie erst einmal geäußert haben – auch wenn wir uns unbedacht dazu haben hinreißen lassen. Oftmals verhalten wir uns geradezu umgekehrt. Je lückenhafter unser Wissen ist, desto mehr »versteifen« wir uns wider besseres Wissen auf unsere einmal getätigte Aussage.

Ebenso gefährlich ist es, wenn wir übereilt ein neues Projekt in Angriff nehmen, ohne die Situation genau zu kennen. »Wir wollen voran kommen, wir wollen keine Zeit verlieren!« Diese Einstellung wird mit der Erwartung verbunden, »wir haben zwar noch nicht den Durchblick, doch fangen wir erst einmal an – das Weitere wird sich schon finden«. Die Reue über diese allzu schnelle Vorgehensweise folgt meist auf dem Fuße. Dann heißt es, »wenn ich das gewusst hätte, wäre ich ganz anders vorgegangen!« Diese Erkenntnis kommt allerdings zu spät – allerdings nicht um daraus für die Zukunft lernen.

Schließlich dürfen wir nicht jenen auf den Leim gehen, die halbe Wahrheiten bewusst verkünden, die eine fragwürdige, wenn nicht sogar miserable Situation in ein nicht gerechtfertigtes günstiges Licht setzen, sei es, um andere für ihre zweifelhaften Vorstellungen oder Vorhaben zu gewinnen, oder um Fehlschläge zu vertuschen, für die sie verantwortlich sind. Solchen Machenschaften können wir auf Schritt und Tritt begegnen.

Wissen wird durch Lernen erarbeitet und Lernen ist anstrengend. »Warum soll ich mich abmühen, was soll mir dieses Wissen?« ist die übliche Frage, mit der man sich gegen neues Wissen besonders auf »fremden« Gebieten sperrt. Dabei wird übersehen, dass gerade durch Informationen aus anderen Bereichen neue Einsichten entstehen können – sofern man diese verstanden hat.

 

Vertiefende Literatur aus der »Grünen Reihe«

Witt, J.: Führen im Dialog: Offen, kritisch, kreativ, 1. Aufl., Hamburg 2014

Witt, J.: Chancenorientiertes Management mit System, 2. Aufl., Hamburg 2011