Prof. Jürgen Witt

Die Grundregeln des kreativen Denkens, Teil 1

Neue Wege zu gehen, verlangt Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen, bei großen Veränderungen sogar Leidenschaft, gepaart mit Augenmaß und Verantwortungsgefühl. Viele Menschen sind sich ihrer kreativen Fähigkeiten nicht bewusst und trauen sich deshalb in dieser Hinsicht zu wenig zu.

Hinzu kommt, dass in zahlreichen Unternehmen die Führung das Innovationspotential ihrer Mitarbeiter unterschätzt und damit auch nicht darauf zurückgreift. So darf es nicht wundern, wenn die vorhandenen kreativen Kräfte zu wenig genutzt und auch nicht gefördert werden, was heute aber dringend erforderlich ist.

Welche Grundregeln sind für das kreative Denken zu beachten?

 

Erkenne die existenzielle Bedeutung von Innovationen

Wer Kreativität zu einer nachhaltigen Leitidee seines Denkens und Handelns erheben will, muss davon überzeugt sein, dass Neuerungen nicht nur zweckmäßig, sondern sogar lebensnotwendig sind. Ist dieses Bewusstsein nicht vorhanden, fehlt die Motivation, sich neben der täglichen Arbeit auch noch mit Neuerungen zu beschäftigen. Hinzu kommt: Kreativität wird erst wirksam, wenn neue Ideen auch umgesetzt werden. Dazu sind Andere von der Richtigkeit von neuen Ideen zu überzeugen. Hier tauchen meist erhebliche Widerstände auf, die überwunden werden müssen. Spätestens in dieser Phase wird der Innovationsprozess zu einer großen Herausforderung, die ohne beharrliches Durchsetzungsvermögen nicht zu meistern ist. Wer nicht bereits ist, dieses »Mühsal« auf sich zu nehmen, fängt am besten erst gar nicht an, sich mit Innovationsprojekten zu beschäftigen – es sei denn, er hat Andere, die für ihn »die Kohlen aus dem Feuer holen«.

 

Sei wissbegierig und neugierig

Die Grundlage von neuen Ideen ist Wissen. Die Erkenntnis »Wissen ist Macht« gilt auch für die Kreativität. Ohne Wissen kann – vom Zufall abgesehen – keine kreative Leistung entstehen. Neue Ideen gehen auf die Neukombination vorhandener Informationen zurück. Wer nichts weiß, kann kein neues Wissen schaffen. Mehr Wissen verbreitet nicht nur die Basis, auf der neue Ideen entwickelt werden können, sondern vermittelt darüber hinaus zusätzliche Denkanstöße. Deshalb gilt für den Kreativen:

Jede Idee ist willkommen!

Neue Gedanken dürfen auch dann nicht abgewürgt werden, wenn sie bei erster Betrachtung abwegig erscheinen.

Besonders anregend sind der Blick in fremde Bereiche (Konkurrenzfirmen, andere Branchen und Länder) und der Gedankenaustausch mit Gesprächspartnern, die einen anderen Wissens- und Erfahrungshintergrund haben. Solche Aktivitäten vermitteln neue Impulse.

Bereichernd ist ebenfalls, andere Unternehmen zu beobachten, die auf dem jeweiligen Gebiet führend sind (»Benchmarking«). Manches lässt sich übernehmen. Man hüte sich jedoch vor gedankenloser Nachahmung!

Wissen – wie besonders auch Erfahrungen – können die Kreativität bereichern, aber auch beeinträchtigen. Letzteres ist der Fall, wenn das Wissen den Gesichtskreis einengt. Es wird nur im Rahmen des vorhandenen Wissens gedacht. Diese beschränkte Sicht ist auch typisch für den »Fachidioten«, der nicht über den Tellerrand seines Spezialwissens hinausschauen kann.

Bremse im Gespräch mit anderen dein Mitteilungsbedürfnis. Frage mehr, um von Anderen etwas zu erfahren, und rede weniger von dir selbst.

 

Suche das Gespräch mit anderen

Auf diese Weise entstehen neue Denkanstöße. Sie erhalten Anregungen von Ihrem Gesprächspartner und – was ebenso wichtig ist – , allein durch das Sprechen über ein Thema kommen Ihnen selbst neue Gedanken!

 

Zur Kreativität gehört das Denken

Wir verrichten die meisten Arbeiten, ohne noch über die einzelnen Schritte nachzudenken. Wir führen weitgehend Gewohnheitshandlungen aus, für die wir oder unsere Vorgänger zweckmäßige Routinen entwickelt haben. Nicht, dass wir dadurch gedankenlos handeln würden. Unser Denken geht nur nicht in die Tiefe. Erst wenn unerwartete Störungen oder Fehler auftreten, werden wir wach. Dieses Verhalten ist gerechtfertigt, wenn nichts mehr zu verbessern ist. Doch wie können wir wissen, ob wir diesen Zustand wirklich erreicht haben? Woran ist das zu erkennen? Gibt es nicht doch noch eine bessere Lösung? Und was nicht übersehen werden darf: Routinehandlungen bewähren sich nur unter gleichbleibenden Bedingungen. In einem dynamischen Umfeld herrscht ständige Veränderung, was eine schnelle Anpassung erfordert. Das geht nicht ohne Nachdenken.

Nachzudenken, also mit seinem Denken in die Tiefe zu gehen, ist erst recht unverzichtbar, wenn neue Aufgaben angepackt werden. Gerade hier darf der Denkprozess nicht an der Oberfläche bleiben.

Denken ist eine der anstrengendsten Tätigkeiten.
Deshalb gehen wir dem Denken gern aus dem Wege.

Nachzudenken ist die Voraussetzung dafür, bisher nicht erkannte Chancen oder Probleme aufzuspüren sowie die geeigneten Maßnahmen zu entwickeln, um erkannte Chancen zu nutzen und festgestellte Probleme zu lösen. Dabei erfordern fundierte Ergebnisse gründliches Nachdenken. Wer sich nur flüchtig mit einer Frage beschäftigt, wird auch nur zu oberflächlichen Antworten kommen.

Wenn ein Thema gründlich durchdacht werden soll, ist ein Gesprächspartner nützlich, der zum Nachdenken anregt oder sogar zwingt.

 

Wage, anders zu denken

Mit neuem Denken – erst recht mit neuem Handeln – geht es uns wie Pionieren, die Neuland betreten. Wir gehen zusätzliche Risiken ein, die sich aus dem Unvertrauten ergeben. Außerdem müssen wir befürchten, mit einer abweichenden Meinung das Missfallen Anderer, insbesondere von »Autoritätspersonen«, zu erregen und uns Ärger einzuhandeln. So schließen wir uns lieber der üblichen Denk- und Handlungsweise an, bevor wir uns den Mund verbrennen. Anders als bisher und anders als Andere zu denken, verlangt Mut!

 

Denke in Alternativen

Anders zu denken, beginnt damit, nach Alternativen zu suchen. »Welche weiteren Möglichkeiten gibt es, ein Problem zu lösen – und sind sie besser?« Mit dieser Fragestellung zwingen wir uns dazu, über bessere Lösungswege nachzudenken.

Die Kreativität lebt vom »Brainstorming«, der beharrlichen Frage nach Alternativen!

Oftmals zeigen sich neue Lösungen, wenn die Fragestellung geändert wird. Die Formulierung einer Aufgabe, eines Problems, beeinflusst wesentlich den Lösungsweg und damit die Lösungsmöglichkeiten. Besonders nachteilig für kreatives Denken sind zu enge Fragestellungen.

Stell’ mehr Fragen!

 

Ändere deine Betrachtungsweise

Zusätzliche und vor allem neuartige Lösungsansätze oder Ideen können gewonnen werden, wenn die Betrachtungsweise verändert wird. Suche deshalb nach neuen Perspektiven!

Dazu ist es sinnvoll,

  • sich über die Bestimmungsgründe seiner eigenen Betrachtungsweise klar zu werden (»Warum bin ich zu dieser Meinung gekommen? Vielleicht waren es Vorurteile?«)
  • andere Personen einzubinden, deren Denken nicht durch langjährige Erfahrungen zum Thema und durch konventionelle Einstellungen eingeengt ist
  • die Umgebung zu wechseln (»Weg vom Schreibtisch!«), um durch ein anderes Umfeld neue Impulse zu bekommen. Manchmal können neue Denkanstöße allein dadurch bewirkt werden, dann man sich auf einen anderen Stuhl setzt. Ein Spaziergang bewirkt oft kreative Wunder«.

»Du gehst allein auf einen Spaziergang, und kommst in Begleitung vieler Gedanken zurück.« (E.R. Hauschka)

»Wandern ist eine Tätigkeit der Beine – und ein Zustand der Seele.« (Josef Hofmüller)

Zur Ideenproduktion gehört deshalb die Methode des divergenten oder lateralen Denkens, durch die über einen thematischen Seiteneinstieg – man kann auch von einer »Verfremdung« des Themas sprechen – gewohnte Gedankengänge aufgebrochen werden sollen. Es wird nicht mehr geradeaus gedacht.

Überraschende Ergebnisse können auch durch die Umkehr-Methode erzielt werden. Bei dieser Denkmethode werden das Thema und damit die bisherige Sichtweise auf den Kopf gestellt. Das Ziel wird ins Gegenteil verkehrt. Der zentrale Gedanke dieser Kreativitätstechnik ist, darüber nachzudenken, was man unterlassen oder unternehmen muss, um genau das Gegenteil zu erreichen.

Wer sich auf den Kopf stellt, erhält neue Aussichten!
»Was ist zu tun nicht zu tun, um das Gegenteil zu erreichen?« Auf diese Frage läuft die Umkehrmethode hinaus. Das Umkehren hat den Vorteil, dass man gezwungen wird, sich in die gegenteilige Lage hineinzuversetzen. Dadurch geraten neue Überlegungen in das Betrachtungsfeld.

Die Methode ist einfacher, als die Erklärung klingt.

Beispiel
Wer mehr Kunden gewinnen will, überlegt, auf welchem Weg er wohl Kunden verlieren würde. Wer seinen Umsatz steigern möchte, überlegt sich, was denn zu dessen Reduzierung führen würde. Aus diesen Überlegungen lassen sich dann sehr schnell die Fehler ableiten, die vermieden werden müssen, um das verfolgte Ziel zu erreichen.

Eine Fragestellung wird gewissermaßen auch dann umgekehrt, wenn wir unsere ursprüngliche Problemstellung »Wie kann die Produktion gesteigert werden?« durch die Frage ersetzen »Wie kann der Absatz verringert werden?« und darüber jetzt nachdenken.

Unser Denken ist von unserem jeweiligen Blickwinkel abhängig. Eine neuer Blickwinkel – und schon entstehen neue Ideen! Besonders wenn wir Dinge aus verrückten Perspektiven (im Sinne von »wegrücken«) betrachten.

Der Vorteil dieser Methode: Der Einstieg in die Ideensuche ist einfacher als bei anderen. Es fällt uns leichter, uns aus der Vergangenheit zu Genüge bekanntes Fehlverhalten (Wie verliere ich Kunden?) aufzuzählen als konstruktive Maßnahmen zu entwickeln, wozu Nachdenken und Phantasie erforderlich sind.

Das Blickfeld wird ausgeweitet, wenn neue Ideen nicht nur von einer einzigen Person im Alleingang, sondern kooperativ erarbeitet werden. Allgemein bekannt ist das Problem der Betriebsblindheit. Um diese zu vermeiden, ist von Fall zu Fall mit außen stehenden Personen zusammenzuarbeiten.

Bevorzuge bei der Suche nach neuen Ideen Gesprächspartner, die eine andere Denkweise als du hast. Besonders das Gespräch mit Querdenkern kann sehr nützlich sein.

Fortsetzung: Die Grundregeln des kreativen Denkens, Teil 2