Prof. Jürgen Witt

Die Grundregeln des kreativen Denkens, Teil 2

Zündende Gedanken kommen kaum, wenn man sich zu sehr in ein Problem verbohrt hat. »Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht!«

Finde Abstand vom Problem

Neue Einsichten oder Eingebungen entstehen aus der zeitlichen oder räumlichen Entfernung vom Problem. Wie häufig erleben wir es, dass wir längere Zeit und mit großen Anstrengungen vergeblich nach einer Idee gesucht haben, um ein Problem zu lösen. In einem unerwarteten Augenblick ist die Idee ohne unser Dazutun plötzlich da – manchmal allerdings zu spät.

Für die Ideenfindung ist es auf jeden Fall nützlich,

  • zur richtigen Zeit eine Pause einzulegen (die »produktive« Pause), also abzuschalten, neue Kraft gewinnen
  • sich vom »Ort des Geschehens«, z.B. vom Arbeitsplatz, zu entfernen.

Aufschlussreich ist dazu die Aussage des Malers G. Wood: »Alle wirklich guten Ideen, die ich gehabt habe, sind mir beim Melken eingefallen.« Ähnliche Äußerungen finden sich auch in den Biografien von Musikern oder Schriftstellern. Es zeigt sich immer wieder, wie wichtig es ist, sich von dem zu lösenden Problem gedanklich zu lösen und geradezu einer monotonen Tätigkeit nachzugehen, wie Geschirrspülen, Bügeln, Gemüseschneiden oder Autofahren. Dadurch wird das Gehirn abgelenkt und kann »unterschwellig« nach kreativen Lösungen suchen. Das Ergebnis ist der berühmte »Geistesblitz«, auf den zwar kein Verlass ist, uns jedoch immer wieder überrascht.

Versuche nicht, durch Grübeln ein Problem zu lösen! Lege eine Pause ein, wenn du nicht weiterkommst. Oder frage einen anderen.

 

Vermeide das vorschnelle Urteil

Viele Ideen werden zu früh verworfen. Ist ein Urteil erst einmal gefällt, lässt es sich nicht mehr so schnell aus der Welt schaffen. Bei längerer und unvoreingenommener Betrachtung entsteht oft eine andere Bewertung. »Unmögliche« Ideen können wertvolle Denkanstöße enthalten, die allerdings oftmals erst nach eingehender Diskussion erkannt werden. Negative Spontanurteile sind also kreativitätsfeindlich. Kreativitätsfördernd ist offenes Denken, das die bereits beschriebenen »Killerphrasen« vermeidet.

Bilde dir nicht so schnell eine Meinung über die Brauchbarkeit einer neuen Idee. Lege vor allem eine Denkpause ein, bevor du deinen Standpunkt äußerst.

 

Habe Mut zur Phantasie

Die Phantasie ist die Quelle schöpferischer Gedanken. Unser Zeitgeist steht jedoch unter dem Vorrang von Logik und Rationalität. Wer sich von konventionellen Lösungen abkehrt und phantasievolle Ideen äußert, läuft Gefahr, als Phantast abgetan zu werden. Der Kreative darf sich von dieser Einstellung nicht unterdrücken lassen. Dazu bedarf er allerdings des Mutes zur Phantasie. Dieser ist besonders bei originären Ideen gefragt. Konnte eine neue Idee erfolgreich verwirklicht werden, wollen so manche es schon vorher gewusst und gesagt haben. »In jedem Geniestreich erkennen wir Gedanken, die wir selbst verworfen haben.« Dieser Satz von R. W. Emerson sollte uns zu denken geben.

Phantasien dürfen allerdings nicht in Phantastereien, Visionen nicht in Utopien bestehen. Dann wird Kreativität weltfremd. Auch muss die Zeit für eine Innovation reif sein. Manche innovative Idee ist ihrer Zeit voraus und überfordert die jeweilige Gegenwart.

 

Tüfteln ist wichtig

Wenn es um »praktische« Lösungen geht, führt das handwerkliche Tüfteln oft weiter als das reine Denken am Schreibtisch – insbesondere wenn bei der Suche nach einer Lösung aus dem Denken ein Grübeln geworden ist. Mit dem Tüfteln ist gemeint, sich mit etwas Schwierigem, Kniffligem – meist ist es ein komplexes Problem – in der Weise zu befassen, dass man »herumprobiert«. Man verändert mal diese oder jene Einzelheit, um zu sehen, ob daraus etwas Besseres wird. Das verlangt meist viel Geduld und Ausdauer. Manchem ist dies zu mühselig und er gibt dann bald auf.

Maschinenschäden werden oftmals auf diese Weise behoben. Es wird herumgebastelt, bis es wieder funktioniert. Dabei stößt man möglicherweise sogar auf eine neue technische Lösung. Eine Innovation ist entstanden – nicht durch Nachdenken, sondern durch den »erarbeiteten« Zufall. Allerdings darf man auch beim Tüfteln das Denken nicht vergessen.

 

Probieren geht über Studieren

Besonders bei der Umsetzung einer Idee in konkrete Einzelheiten lässt sich »auf dem Reißbrett« nicht immer eindeutig erkennen, worauf es ankommt, damit »es funktioniert«. Manch Wichtiges wird übersehen! Hier hilft der Versuch. Das »Learning by doing« ist für das innovative Handeln eine fruchtbare Ergänzung.

 

Sorge für ein kreatives Umfeld

Dazu gehören zunächst anregende Gesprächspartner. »Wer im Labor eines Nobelpreisträgers forscht«, sagt Ernst Hany, Persönlichkeitspsychologe an der Universität Erfurt, »erhöht die Wahrscheinlichkeit, selbst einmal auf einen außergewöhnlichen Gedanken zu kommen und Nobelpreisträger zu werden.«

Hinzu kommen örtliche oder räumliche Bedingungen, die auf die »kreative Stimmung« unterschiedlich einwirken. Die Ideenfindung sollte zwischen zwei Polen abwechseln, nämlich der beschwingten Heiterkeit, bei der die Gedanken in alle mögliche Richtungen ausschweifen, und dem konzentrierten Ernst, der die Gedanken zu einem Thema in die Tiefe gehen lässt. Der eine Pol fördert die Gestaltung, der andere die Analyse. Entsprechend braucht kreative Arbeit lokale Bedingungen, die zu hohen Gedankenflügen stimulieren oder ungestörtes, konzentriertes Arbeiten ermöglichen.

Viele Kreative kommen auf ihre Einfälle nicht am Schreibtisch, sondern in den Bergen, in der Kneipe oder bei einem Spaziergang. So berichtet der Physiker Freeman Dyson, dass er sich über Wochen in ein mathematisches Problem verbissen habe. Er wollte die Lösung erzwingen. Doch erst als er sich entschieden habe, nicht mehr nach einer Lösung zu suchen, sei sie ihm eingefallen – , und zwar mitten in der Nacht im Bus (sueddeutsche.de). (Siehe dazu auch oben »Ändere deine Betrachtungsweise«.)

Ein einstündiger Spaziergang im Wald kann zu mehr Einfällen führen als ein ganzer Arbeitstag im Büro.

 

Steigere deine kreative Produktivität durch Entspannung oder »Zeitdruck« (Terminierung)

Die Erfahrung lehrt, dass keine besonderen kreativen Leistungen in der Hektik des Tagesgeschäftes entstehen. Die Ideenproduktion wird dagegen durch eine entspannte Atmosphäre begünstigt.

Für kreative Aufgaben muss man sich Zeit nehmen.

Die besten kreativen Ideen kommen oftmals während des Wochenendes. Auch der Schlaf, in dem das Unterbewusstsein unsere Gedanken verarbeitet, kann überraschende Einfälle bringen. Die Lösung vieler Probleme sollte »überschlafen« werden. Viele Ideen kommen im Halbschlaf.

Um die Kreativität zu fördern, empfiehlt es sich, während des beruflichen Alltages Freiräume einzuplanen, in denen konzentriert über die Lösung anstehender Probleme nachgedacht wird.

Dazu ein erfolgreicher Unternehmer: »Zwei Mal in der Woche ziehe ich mich für eine halbe Stunde zurück und denken bei einem Kaffee über die Dinge nach. Dabei kommen mir oft die besten Ideen.«

Auch ein Spaziergang in der Natur kann weiterbringen – jeder hat so sein eigenes Umfeld, in dem er sich wohl fühlt und das seine Phantasie beflügelt.

Allerdings kann die Kreativität auch durch »Zeitdruck« zunehmen. Wer sich und anderen für seine Vorhaben keine Termine setzt, läuft Gefahr, »dass nichts unternommen wird«. So kann es sinnvoll sein, die Mitarbeiter einer Projektgruppe dazu zu verpflichten, bis zu einem kurzfristig angesetzten Zeitpunkt oder auch innerhalb bestimmter Zeiträume eine Mindestzahl von neuen Problemlösungsideen zu liefern (z.B. 5 neue Ideen im Monat).

 

Entscheide und pack’ es an

»Ist die Idee wirklich gut?« »Wird es funktionieren?« »Was geschieht, wenn es daneben geht?« Wer sich in diese Fragen verliert, kommt nie zum Zuge. Viele Ideen werden aus der Angst vor dem Misserfolg nicht verwirklicht. Angst lähmt die Tatkraft. Schade um viele Ideen!

Es gibt keine Innovation mit Gelinggarantie.

Innovationen brauchen den Mut zum (überschaubaren) Risiko. Viele Unklarheiten und Ungewissheiten, die mit der Entwicklung und Einführung von Neuerungen verbunden sind, lassen sich während der Umsetzung beseitigt.

Um eine neue Idee in die Tat umsetzen, darf nicht schon bei den ersten Schwierigkeiten aufgegeben werden. Prüfe, wo die Probleme liegen, und beseitige sie. Vielleicht muss auch die Vorgehensweise geändert werden.

 

Setz’ dir immer wieder neue Aufgaben, die deine kreativen Fähigkeiten herausfordern

Mach’ es hin und wieder anders. Kreativität ist auch eine Frage der Übung. Um besser zu werden, brauchen wir das Training. Das gilt auch für unsere kreativen Fähigkeiten, die ständig aufs Neue herausgefordert werden müssen. Übung macht nicht nur den Meister, sondern erhält auch die Meisterschaft!

Schaff dir im Tagesgeschäft Möglichkeiten oder Freiräume, um Neues auszuprobieren.

 

Verlass dich nicht auf dein Gedächtnis

Wie viele wertvolle Einfälle gehen verloren, weil sie vergessen werden! Das Gedächtnis ist kurz und meist ist kein »Papier und Stift« bei der Hand ist, um sich eine Notiz zu machen.

»Gute Einfälle« sollten umgehend aufgegriffen und verfolgt werden. Werden sie erst auf die lange Bank geschoben, geraten sie schnell in Vergessenheit.

Vermeide Neuerungssucht

Das Neue ist nicht unbedingt das Bessere. Das Neue ist nicht deswegen besser, weil es neu ist. Neues einzuführen, ist kein Garant für Fortschritt, wie viele irrtümlicherweise glauben. Wer Altes durch Neues ersetzt, muss zunächst prüfen, ob dadurch tatsächlich eine Verbesserung erreicht wird. Die »Lust zur Innovation« darf nicht dazu führen, dass versäumt wird, die Verbesserungsmöglichkeiten des Vorhandenen auszuschöpfen. In der Praxis wird häufig anders verfahren. Ist man mit dem Vorhandenen nicht zufrieden, wird schnell nach einem Systemwechsel gerufen – und dies in der realitätsfernen Erwartung, »dann würde alles besser werden«. Revolution statt Reform! Dabei wird meist verkannt, dass auch jedes »Neue« seine Schattenseiten hat. Diese zeigen sich dann später – oftmals erschreckend massiv. Deshalb ist auch vor »Reformwut« zu warnen. Allzu häufige und überstürzte Änderungen irritieren die Betroffenen. Sie sind meist ein Zeichen für mangelhaftes Nachdenken. »Aktionismus« soll gründliches Planen ersetzen!

Auch wenn es mühsam erscheint, versuch’ erst das Vorhandene zu verbessern als durch Neues zu ersetzen – und dies mit Maßen.

 

Schlussbetrachtung

Ob diese Grundregeln zur Förderung der Kreativität – wie zu fordern ist – im täglichen Leben beachtet und befolgt werden, hängt wesentlich von der persönlichen Einstellung ab. Neugier, Offenheit und Toleranz sowie Unzufriedenheit mit vorhandenen Situationen oder erreichten Ergebnissen fördern das innovative Verhalten.

Auch in der Gruppenarbeit sind diese Regeln einzuhalten. Wieweit dies geschieht, hängt maßgeblich von der Disziplin der Gruppenmitglieder ab.

Ausgehend von den beschriebenen Grundregeln der Kreativität, sind spezielle Kreativitätstechniken entwickelt worden, wie das Brainstorming, die Methode des divergenten Denkens, die Modifikations-Analyse, die Umkehrmethode u.a.m.. Diese Methoden gehören zum »Werkzeugkasten« des kreativen »Einzelkämpfers« wie auch der kreativen Teamarbeit. Um sie sachgerecht einsetzen zu können, bedarf es meist einer intensiven Schulung oder des Einsatzes eines qualifizierten Moderators. In der Spezialliteratur wird darüber ausführlich berichtet.