Prof. Jürgen Witt

Von Anderen lernen – Freude an sozialen Kontakten

Von unseren Mitmenschen können wir am meisten lernen, sei es, durch das Wissen, das sie uns übermitteln, oder durch ihr Verhalten, sofern wir dieses – auch mit den Folgen – achtsam und kritisch beobachten. Deshalb sind wir gut beraten, uns um viele Kontakte zu anderen Menschen zu bemühen, diese zu nutzen und zu pflegen. Besonders Menschen, die wir bisher noch nicht kennen, können uns bereichern – erst recht, wenn sie aus einem uns fremden Kulturkreis stammen.

Unsere Mitmenschen sind unsere wichtigste Informationsquelle, 
die wir nach Kräften nutzen sollten. Die intensive Kommunikation mit anderen Menschen wird allerdings nur derjenige suchen, der gern mit anderen Menschen zusammen ist. Der »Kontaktmuffel« steht sich hierbei selbst im Weg.

Wer am Kontakt mit Anderen ernsthaft interessiert ist, vermeidet die folgenden weit verbreiteten sozialen Fehleinstellungen, welche die zwischenmenschlichen Beziehungen erheblich belasten und die Freude an anderen Menschen verderben können:

Geringschätzung Anderer

Wenn wir Freude am Kontakt mit anderen haben wollen, dürfen wir nicht geringschätzig über sie denken. Allerdings machen manche Menschen es uns in dieser Hinsicht nicht leicht. Ihr »Auftritt« ist nicht dazu angetan, ihnen Achtung entgegenzubringen. Auch ist ihr Verhalten oftmals nicht zu begreifen. Solche negativen Erlebnisse dürfen uns jedoch nicht veranlassen, alle Menschen in denselben Topf werfen. Die meisten Menschen verdienen unsere Wertschätzung in demselben Maße, wie wir sie für uns selbst beanspruchen. Dazu gehört, dass wir ernst nehmen, was sie machen und was sie uns sagen.

Häufig beruht unsere abschätzige Haltung auf Voreingenommenheit. Andere Herkunft, Ausbildung, Position und auch das unterschiedliche Alter mögen dazu beitragen. Erst recht wenn sie eine andere Meinung als wir haben. »Wie kann man nur so denken!« Unsere Geringschätzung kommt dann meist auch in unserem herablassenden Verhalten zum Ausdruck. Kein Wunder, wenn diese Menschen, die wir »so von oben herab« behandeln, sich vor uns erst recht verschließen und wir uns in unserer negativen Einstellung zu ihnen gegenüber betätigt sehen.

Wir sollten Menschen, die wir nicht oder noch nicht genügend kennen, ernst nehmen, bei dem was sie uns sagen. Dazu müssen wir ihnen mit angemessener Achtung begegnen und uns aufrichtig bemühen, ihr Denken und Handeln zu verstehen aufzubringen. Vor allem müssen wir versuchen, die Motive für ihre Denkweise und ihr Verhalten zu erkennen, bevor wir ein Urteil über sie fällen.

Wer andere ernst nimmt, hört ihnen im Gespräch aufmerksam zu.

Beachte: Wir unterschätzen meist das Beurteilungsvermögen anderer Menschen, überschätzen allerdings in vielen Fällen deren Informationsstand.

 

Unrealistische Erwartungen

Viele Enttäuschungen über das Verhalten der Mitmenschen entstehen dadurch, dass sie die Erwartungen, die wir in sie gesetzt haben, nicht erfüllen. Ein großer Teil dieser Enttäuschungen entsteht dadurch, dass

  • wir bisher nur die positiven Eigenschaften gesehen haben
  • unsere Erwartungen zu hoch angesetzt worden sind.

Man darf die Menschen nur im Rahmen ihrer Möglichkeiten sehen. Auch die moralischen Forderungen dürfen nicht zu hoch geschraubt werden. Dabei ist zu beachten, dass sich das Denken und Handeln der Menschen mit der Situation verändert, in die sie gestellt werden und mit der sie fertig werden müssen. Allein das Alter beeinflusst das Leistungsvermögen und -verhalten. Mit der Gründung einer Familie verändert sich oftmals die Einstellung zur beruflichen Tätigkeit. Ein Familienvater setzt für seine Zeitgestaltung andere Prioritäten als jene, die er als Junggeselle verfolgt hat.

»Ich habe mich redlich bemüht, mich über die Handlungen der Menschen nicht zu verwundern; ich habe versucht, sie zu begreifen.«
Baruch de Spinoza (gekürzt)

Beachte: Auch du erfüllst die Erwartungen anderer nicht immer.

 

Spontane Sympathie und Antipathie

Es gibt Menschen, die wir nicht mögen und denen wir lieber aus dem Weg gehen. Allein der Gedanke an sie verschafft uns Unwohlsein. Wir haben auch viele Erklärungen für unsere Antipathie, die allerdings meist »auf Gefühlen« beruhen und nicht überzeugend begründet werden können.

Wer ein realistisches Menschenbild hat, nimmt die Menschen, wie sie sind, was nicht bedeutet, alles zu billigen und hinzunehmen. Er bemüht sich, andere unbefangen kennenzulernen, lässt sich nicht vom »ersten Eindruck« gefangen nehmen und überlässt das Bewerten neuer Kontakte der längeren Erfahrung. Ein spontanes »Feinbild« aufzubauen und dieses dann zu zementieren, ist ihm völlig fremd.

Empfehlung: »Nehmen Sie die Menschen, wie sie sind, andere gibt es nicht.«
K. Adenauer

Unsere Einstellung zu anderen Menschen wird stark durch den ersten Eindruck geprägt. Das gilt besonders für die Antipathie. Eine aufschlussreiche Erfahrung ist, dass uns Personen, mit denen wir eigentlich aufgrund unseres ersten Eindrucks möglichst nichts zu tun haben wollten, plötzlich sympathisch werden, nachdem wir sie näher kennengelernt haben, obgleich wir es zunächst gar nicht wollten. Diese Chance dürfen wir uns nicht entgehen lassen.

Der offene Geist belastet seine Kontakte zu anderen nicht durch negative Gefühle. Ihm geht es darum, Informationen von anderen zu gewinnen. Bei der Auswahl der Personen, zu denen er den Kontakt sucht oder bleiben möchte, steht im Vordergrund deren Kompetenz – Was haben sie zu sagen – und nicht Sympathie oder Antipathie. Entscheidend sollte sein, was sie uns zu sagen haben und nicht, ob wir jemanden sympathisch finden.

Allerdings kann niemand »über seinen Schatten springen«. Es gibt Situationen, in denen Menschen einfach nicht zueinander passen. Man kann sich nicht riechen!

Unabhängig davon, ist es wichtig, dass wir uns unserer Einstellung gegenüber anderen bewusst werden – insbesondere wenn diese negativ ist – , diese auf ihre Berechtigung hin überprüfen und sie gegebenenfalls ändern. Auf diese Weise

  • werden wir aufgeschlossener und entspannter
  • verbessern wir unsere zwischenmenschlichen Beziehungen
  • lernen wir auch etwas über uns selbst
  • haben mehr Freude am Umgang mit anderen Menschen.

 

Empfehlungen

  • Gewähre jedem das Recht auf Andersartigkeit. Die Menschen sind unterschiedlich. Jeder hat seine besondere Art des Denkens und Handelns.
  • Stell’ an andere nicht zu hohe Erwartungen. Überzogene Erwartungen führen immer zu Enttäuschungen. Erwarte von anderen nicht mehr als von dir selbst.
  • Sei dir deiner beschränkten Sichtweise bewusst. Unsere persönliche Perspektive ist unsere große Wahrnehmungsfalle. Wer gibt uns das Recht, andere Menschen definitiv zu bewerten? Woher nehmen wir die Kompetenz? Bedenke, dass du genauso hart beurteilt werden könntest, wie du es gegenüber anderen tust.
  • Lass dich nicht vom ersten Eindruck gefangen nehmen. Der erste Eindruck kann täuschen.
  • Schließ’ nicht von einzelnen Eigenschaften, die du zufällig bei einem Menschen kennengelernt hast, auf den ganzen Menschen (»Halo-Effekt«).
  • Such’ bewusst die guten Seiten anderer Menschen. Auch wenn dich bestimmte Eigenschaften an ihnen stören, schließ’ damit nicht dein Urteil über sie ab.
  • Übertrag’ nicht deine eigenen Schwächen auf andere (»Projektives Verhalten«).
  • Gib dem Anderen eine Chance. Wir treffen viele Menschen nur in bestimmten Situationen. So erleben wir nur Teile ihrer gesamten Persönlichkeit. Vielleicht versteckt sich in der »unsympathischen Person« ein wertvoller, hilfsbereiter Mensch? Er hatte nur noch keine Chance, es uns zu zeigen. Geben wir ihm diese Möglichkeit!
  • Traue dem Anderen mehr zu. Wenn jemand sein Können unter Beweis gestellt hat, geh’ davon aus, dass er noch zu größeren Leistungen fähig sein könnte.
  • Antipathie darf sich nicht »zeitlos« verfestigen. »Ist sie wirklich sachlich gerechtfertigt?« Das müssen wir uns immer wieder fragen.

 

Streitlust – Konflikte vermeiden oder beheben

Konflikte stören die harmonische Zusammenarbeit und auch die Freude am Zusammensein. Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen den Menschen gehören zum Alltag. Sie lassen sich nicht immer vermeiden und fördern oftmals sogar das offene Miteinander. Nicht umsonst spricht man vom »reinigenden Gewitter«.

Allerdings sollten Konflikte durch aggressives Verhalten sollten nicht unnötig produziert und potenziert werden. Besonders nachteilig wirken sich auch Störquellen aus, die irgendwann einmal entstanden sind und nicht ausgeräumt werden. Dazu gehören z.B. auch Missverständnisse und Verärgerungen, die man nicht bestehen und sich verfestigen lassen darf.

Empfehlung: Sprich dich mehr mit andern aus, wenn »atmosphärische Störungen« auftauchen. Dabei kann Humor mehr bewirken als Verbissenheit.

 

Auf möglichst großer Distanz bleiben

Manche halten bewusst Abstand von anderen und/ oder halten andere auf Abstand. Sie sind die »Kontaktscheuen«, die anderen am liebsten aus dem Weg gehen. Oder sie sind die »Unnahbaren«, die sich oftmals selbst so sehr erhöhen, dass sie die anderen überhaupt nicht mehr sehen. In Führungspositionen ist diese Verhaltensweise keine Seltenheit.

Es erleichtert in mancher Hinsicht das Zusammenleben, wenn man sich nicht »zu nahe« kommt. Es vermeidet manche Enttäuschung, bringt jedoch auch keine Freude. Wenn Menschen darauf bedacht sind, möglichst Abstand voneinander zu halten, laufen sie im Grunde aneinander vorbei.

Wir sind lieber mit Menschen zusammen, die wir besser kennen und schätzen gelernt haben. Dazu müssen wir etwas über ihr persönliches Leben erfahren. Andernfalls bleiben sie uns fremd und der Kontakt zu ihnen bleibt kühl.

Wer näher an andere Menschen »herankommen« will, muss auch von sich etwas preis geben. Dazu muss man sich Zeit lassen und die richtigen Gelegenheiten finden.

Beachte: Menschliche Beziehungen müssen wachsen.

 

»Verstehende« Anteilnahme

Wir neigen dazu, uns zu sehr um uns selbst zu drehen. Wir haben unsere eigenen Sorgen im Kopf, klagen darüber, dass sich niemand um uns kümmern würde, und sehen nicht die Probleme, mit denen andere sich herumschlagen müssen. Wer am Leben anderer keinen Anteil nimmt und sich nicht aufrichtig um Verständnis für andere bemüht, darf sich nicht wundern, wenn man mit ihm gleichermaßen verfährt.

Am Leben anderer »verstehende« Anteil zu nehmen, erweitert und bereichert, das heißt, sein eigenes Leben zu erweitern und zu bereichern. Man lebt dann nicht nur sein eigenes Leben. Wer am Leben anderer Anteil nimmt, sieht und erfährt mehr. Wenn Menschen erkennen und fühlen, dass sie einem anderen nicht gleichgültig sind, sind sie eher bereit, sich offen mitzuteilen und zu öffnen.

Anteilnahme schließt andere Menschen auf.

Um das Denken und Handeln anderer verstehen zu können, müssen wir uns mit deren Lebenssituation vertraut machen. Ohne dieses Wissen bleiben uns die Handlungsmotive anderer Menschen unbekannt und wir sollten uns hüten, ein Urteil über sie fällen.

Zur aufrichtigen Anteilnahme gehört »echtes« Interesse am anderen, verbunden mit spürbarem Mitgefühl. Anteilnahme lässt Verständnis und Verbundenheit und damit Wärme fühlen.

Dabei ist auf Beständigkeit zu achten. Es wirkt geradezu gegenteilig, bei einer Gelegenheit großes Interesse für den anderen zu äußern, und beim nächsten Mal erlebt er bei uns nur Gleichgültigkeit. Unser ursprüngliches Interesse darf nicht plötzlich versiegen. So ist es auch ein fataler Fehler, einem anderen zu erklären, »man fände seine Gedanken faszinierend und werde diese daher aufgreifen«, danach geschieht jedoch nichts – aus welchen Gründen auch immer.

Am Leben anderer Anteil zu nehmen, heißt letztlich, sich für diese Zeit zu nehmen. Daran scheitert meist die Anteilnahme – vielleicht mehr daran als am guten Willen. Wir stehen heute alle unter Zeitdruck.

Merke: Nichts schätzen Menschen mehr, als wenn man Zeit für sie hat.

 

 

Vertiefende Literatur aus der »Grünen Reihe«

Witt, J.: Führen im Dialog: Offen, kritisch, kreativ. Wer sich und andere fragt, gewinnt.

Witt, J. und Th.: Der Kontinuierliche Verbesserungsprozess (KVP).

Pohl/Witt: Innovative Teamarbeit.